Warum ich keine Stille Zeit mehr mache

Ich bin ganz ehrlich mit euch: Ich mach schon voll lange keine Stille Zeit mit Gott mehr. Und ich hab nicht mal ein schlechtes Gewissen. Hääreeesiiiie! 😀 😀 😀 😀

 „Stille Zeit“ ist

Für alle, die keine Ahnung haben, wovon ich rede … ach was, das erklär ich nicht, wenn ihr „Stille Zeit machen“ nicht kennt, dann braucht ihr den Artikel nämlich auch nicht. Sehr gut! 😉

Aaaach, ich erklär’s doch: Also: Es ist das ungeschriebene Gesetz in christlichen Kreisen, was man tun muss, um seine Beziehung mit Gott aufrecht zu erhalten. Das ist je nach Kreisen unterschiedlich. Da, wo ich herkomme, lernt man: „Lies die Bibel, bete jeden Tag, wenn du waaaachsen willst …“ *sing*

Also praktisch: Du musst dieses und jenes tun, um deine Beziehung mit Gott zu pflegen. Und um ein „guter Christ“ zu sein-

Der Blödsinn vom „guten Christen“

Das Problem ist nur: Es gibt keine „guten Christen“. Es gibt auch keine „schlechten Christen“. Wir denken nämlich, wir sind „gute Christen“, wenn wir uns gottgefällig verhalten, und „schlechte Christen“, wenn wir versagen. Aber mal so ganz unter uns, ich glaube, es beleidigt Jesu Werk am Kreuz, wenn wir uns „schlechte Christen“ nennen. Denn Jesus hat uns ja zu Christen gemacht. Wenn wir jetzt sagen, wir sind „schlecht“, dann sagen wir: „Jesus, du hast dir zwar Mühe gegeben, aber bei mir hat’s nicht gereicht.“

Die Sache ist: Es gibt Christen, die haben schon ein bisschen mehr Offenbarung darüber, wer sie sind und wer ihr Gott ist, und deshalb sündigen sie weniger als vorher (oder vielleicht auch gar nicht mehr). Und es gibt Christen, die haben noch nicht so viel Offenbarung, wer sie sind und wer ihr Gott ist, und deshalb sündigen sie halt noch ein bisschen mehr. Aber deshalb ist man kein „schlechter Christ“. Deshalb ist man ein geliebtes Kind Gottes, das noch reifen und wachsen darf.

Ich beantrage hiermit, das Wort „gute Christen“ zum Unwort des Jahres, ach was, des Jahrtausends zu machen.

„‚Gute Christen‘ tun dies oder jenes“ hängt von der Kultur ab

Irgendwie steckt das aber so in unserem kleinen Kopf, dass man bestimmte Dinge zu tun hat, wenn man Christ ist. Und andere Dinge hat man zu lassen.

Witzigerweise variiert die Liste der Dinge, die „gute Christen“ tun, je nach Land und Kultur. In Deutschland gehört es zum „guten Christsein“, sich keine (oder mittlerweile zumindest keine riesigen) Tattoos stechen zu lassen. Bist du ne Frau und willst ein „guter Christ“ sein, dann schminkst du dich wenig bis gar nicht – also auf jeden Fall nicht übertrieben, schööön dezent.

In Kanada hab ich zum Beispiel festgestellt, dass das mit dem Schminken und Tättowieren für Christen gar kein Problem ist. Da läuft so gefühlt jeder Zweite mit irgendeinem Bibelvers oder hebräischen Buchstaben auf irgendeinem Körperteil rum, und man trifft allerhand Farbpaletten auf Augenlidern und auch drumrum an. Aber weeeehe man findet bei jemandem daheim ein Kistchen Bier im Kühlschrank. Da kommen dann gleich die Ältesten ins Haus und beten dich frei. 😀 (Oder so ähnlich. 😉 )

Ich hab Bock, heute das Denken zu konfrontieren, als „gute Christen“ müssten wir dieses oder jenes tun. Als „gute Christen“ müssen wir die Bibel lesen. Als „gute Christen“ müssen wir in den Gottesdienst gehen. Als „gute Christen“ müssen wir immer nett sein. Und als „gute Christen“ müssen wir auch „Stille Zeit“ machen. Die Wahrheit ist: Es gibt keine „guten Christen“. Und die Wahrheit ist: Wir müssen gar nix.

Als Christen sind wir so krass frei – es gibt kein müssen mehr

Was? Wir müssen nix? Anarchiiiiiiiiiiiiiiiiiiiie!!! … Nein, Spaß. Ich provozier doch nur. 😉

Aber wir müssen echt nix. Und das sag nicht ich, die Bibel ist schuld: 😉

 

„Mir ist alles erlaubt …“ – 1.Korinther 6,12

 

„Mir ist alles erlaubt“ heißt: Ich darf alles und muss nix. Ich weiß, der Vers geht weiter. Aber bevor wir weitergehen, bleiben wir hier mal kurz stehen. Oder auch ein bisschen länger.

Ich darf zumdreihundertundeinundzwanzigsten Mal wirklich aaaaaaalles!!! Ich muss gaaaaaaaaaaar nix!!!

Warum die krasse Freiheit, die Gott uns gibt? Warum erlaubt Gott uns alles? Warum steht nirgends in der Bibel: *tiefe Stimme* „Du sollst jeden Morgen deine Stille Zeit machen!“ Oder: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, der dich aus Ägyptenland … oh, pardon, dich nicht, die anderen … Egal, du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht vernachlässigen – schon gar nicht morgens!“

Warum die krasse Freiheit, nichts zu müssen und alles zu dürfen? Das ist doch grob fahrlässig, Gott (mal-ganz-davon-abgesehen-dass-deine-Kinder-sowieso-nicht-checken-wie-frei-sie-wirklich-sind-aber-egal-hüstel). Wisst ihr, wir könnten plündernd und mordend durch die Gegend ziehen und dabei sagen: „Unser Gott hat uns die Freiheit gegeben, das zu tun.“ Also … ich mein … so rein theoretisch könnten wir das tun.

Aber es macht keiner! Warum nicht? Warum „kosten wir unsere Freiheit nicht aus“, lassen die Sau raus, leben in Saus und Braus, pfeifen auf das, was um uns rum ist … obwohl wir die Freiheit dazu hätten und die Schuld ganz auf Gott schieben könnten?

Es gibt keine äußeren Gesetze mehr, weil Gott sein Gesetz in unser Herz geschrieben hat

Die Antwort auf die Frage, warum Gott uns alles erlaubt hat und das trotzdem nicht grob fahrlässig von ihm war ist die:

Wir sind nicht mehr die, die wir früher waren – wir haben ein neues Herz und einen neuen Geist. Wir sind eine neue Schöpfung und haben die Gebote Gottes in unser Herz geschrieben – das heißt in uns drin. Deshalb muss Gott keine Gebote von außen auf uns draufsetzen. Kein Mensch, der wirklich der Liebe des Vaters begegnet ist, wird jemals das Bedürfnis haben, rauszugehen und sich in Sünde zu suhlen. Wir wollen das einfach nicht mehr. Es ist in uns drin. Tja, wolltest du mal voll in Sünde leben, jetzt ist es zu spääät, du wirst es ab jetzt immer hassen zu sündigen. 😀 Neue Schöpfung, tadaa! 😀

Kein Mensch, der wirklich der Liebe des Vaters begegnet ist, wird jemals das Bedürfnis haben, rauszugehen und sich in Sünde zu suhlen.

Und kein Mensch, der wirklich der Liebe des Vaters begegnet ist, wird sich denken: „Aaaaaaaach, jetzt muss ich schon wiiieder Zeit mit Gott verbringen.“ Sondern er wird sowas in der Art denken wie: „Ich lieb die Zeiten mit meinem Vater. Ich will, dass sie nie aufhören.“ Und vielleicht sowas: „Mann, jetzt hab ich heute voll vergessen, mit Gott zu reden. Ich hab ihn richtig vermisst.“

Wo Freiheit ist, kommt Leben rein

Wisst ihr, meine „Stille Zeit“, die ich früher gemacht habe, hat wirklich nischt gebracht hat. Die lief nämlich so ab:

Wecker – zack, aus – Bibel gelesen – Bibelleseplan gelesen – eingeschlafen – Wecker, zack, aus …. Wecker, zack, aus … Wecker, zack… okeeeeeeeeh, ich steh auf. Was hab ich nochmal gelesen? … Wo geht’s nochmal zum Bad? … zur Tür hinaustorkeln … ichbinsomüdegrummelgrummelgrummel …

Aber obwohl’s nichts gebracht hat (ich hab wirklich Null Erinnerung an die Zeit), hab ich das jahrelang so gehalten. (Was gibt’s bei dir, wo du denkst, das musst du als Christ tun?)

Der Punkt, an dem ich jetzt stehe, sieht so aus: Ich lese nicht jeden Tag die Bibel. Ich stehe auch nicht jeden Tag voll früh auf um Zeit mit Gott zu verbringen.

Aber ich liebe die Zeit morgens, wenn noch alles still ist und keiner wach ist, das ist echt ne besondere Zeit. An meinem früheren Wohnort bin ich gern vor allen aufgestanden, um mit Gott zu reden. (Aber in dem Haus, wo ich jetzt bin, stehen die Menschen vor 6 Uhr auf. Noch früher aufzustehen, um allein Zeit mit Gott zu verbringen, käme einem Selbstmord gleich. 😆 )

Ich rede aber den ganzen Tag über mit Gott. Und wenn mich die Sehnsucht packt, dann such ich mir ein ruhiges Fleckchen, um allein Zeit mit meinem Papa zu verbringen. Aber manchmal vergesse ich ganz, mit Gott zu reden. Manchmal lese ich ein ganzes Buch in der Bibel an einem Tag. Manchmal lese ich über einen langen Zeitraum immer wieder im gleichen Buch rum. Und manchmal lese ich gar nichts. Ich liebe es über alles, wenn Gott zu mir redet, deswegen fühle ich mich ausgehungert, wenn ich längere Zeit nichts Größeres von ihm mitgekriegt habe und lande dadurch automatisch irgendwann entweder wieder vor meinem Journal (siehe hier) oder sonstwo, wo ich Gottes Stimme leichter mitkriege als im Alltag.

Seit ich Freiheit habe, habe ich Leben in meiner Beziehung zu Gott.

Mehr Intimität kommt nicht durch mehr Anstrengung, sondern durch mehr Hunger

Meine Beziehung zu Gott ist jetzt dreitausend Mal besser als vor 8 Jahren. Aber das lag nicht an der Menge oder der Regelmäßigkeit der Stillen Zeit, die ich gemacht habe. Der Schlüssel war der Hunger. Wenn man wirklich, wirklich Hunger nach Gott hat, dann findet man ihn auch. Und wenn man Gott wirklich kennenlernt, dann braucht man keine Regel mehr, um Zeit mit ihm zu verbringen. Dann kommt das automatisch.

Wenn man Gott kennenlernt, dann braucht man keine Regel mehr, um Zeit mit ihm zu verbringen.

Unterschiedliche Wege, unterschiedliche Zeiten

Wisst ihr, ich glaube, es gibt nicht einen Weg, um in Intimität mit Gott zu wachsen. Es gibt viele Wege. Die Frage ist: Wozu treibt dich dein Herz? Der Herr hat dir ein neues Herz gegeben, das sich automatisch nach ihm sehnt. Sollte da keine Sehnsucht sein, dann hat dir vielleicht die Regel (was du tun „musst“) die Freude verdorben, oder du hast Gott nicht als so gut erlebt, dass es sich lohnt, ihm nahe zu sein. (PS: Gott wird die, die ihn suchen, immer dafür belohnen. Das ist ne absolute win-win-Situation. 😉 Bibelstelle hier. )

Es gibt nicht ein richtiges Verhalten, um in Intimität mit Gott zu wachsen. Und: Es gibt unterschiedliche Zeiten. Es wird Zeiten geben, da kannst du nicht anders, als den ganzen Tag mit Gott abhängen zu wollen. Und dann wird es Zeiten geben, da redet ihr wenig miteinander (aber im Verborgenen tut Gott grad wer weiß was alles an deinem Herzen).

Das wird sein wie bei Jesus. Er hat auch die Abgeschiedenheit gesucht, um mit seinem Vater zu reden (Mk 6,46). Und hier (Lk 4,42) ist er extra früh aufgestanden, um Zeit mit Gott zu verbringen. Aber an anderen Tagen hat er ausgeschlafen. Es heißt nirgends in der Bibel, dass Jesus jeden Tag auf nen Berg ging um mit seinem Vater zu reden und jeden Tag früh aufstand. Aber er war immer mit ihm connected. (Joh 5,19) Und das sollte unser Ziel sein.

Das Ziel ist never ever irgendetwas zu tun, weil man das halt so macht – als „guter Christ“. Sondern das Ziel ist immer, Gott nahe zu sein.

Es ist mir viel wichtiger, permanent mit Gott verbunden zu sein, als mir eine festgelegte Zeit am Morgen zu nehmen, um meine „christlichen Pflichten“ zu erfüllen.

Und ich hab es als totale Freiheit erlebt, zu wissen, dass ich nichts mehr muss – aber dass mich das auch nicht in den geistlichen Tod treiben wird, weil ich ja ein neues Herz habe und einen neuen Geist. Und wenn man sich erst mal traut, die Regel loszulassen, dann kommt da ein frischer Wind rein, und die Zeit mit Gott macht Spaß. Und man hat auf einmal viiiel mehr Intimität als vorher. Und das schlechte Gewissen ist futsch.

Klingt doch gut, oder? 😉

Sei frei

Ich wünsch dir: Sei frei! Lass dein Herz atmen und ersticke es nicht mit einer Regel. Ich weiß, man braucht Mut, die Regel loszulassen. Aber es lohnt sich. Weil, Gott hat dich wirklich ganz neu gemacht. Und, wer weiß, vielleicht wächst dann nach einer Zeit des Atemholens auch ein echter Hunger nach dem echten Gott abseits der Regeln. Und du findest deine eigenen Wege, in Intimität mit Gott zu wachsen. Und, wer weiß, vielleicht bist du dann 8 Jahre später an einem ganz anderen, vertrauten Punkt in deiner Connection mit Gott, sodass sich Abraham (der Freund Gottes) noch ne Scheibe hätte abschneiden können. 🙂


Beitragsbild: Ben White

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